Religionen
Überblick
Nepal ist Schmelztiegel zweier bedeutender Religionen und der damit verbundenen Philosophien und Sozialstrukturen.
Der früher stärker verbreitete Buddhismus wurde durch den Hinduismus, der sich vom Süden her durchsetzte, immer weiter
in den Norden gedrängt. In Nepal ist weder der Hinduismus noch der Buddhismus in reiner Form anzutreffen, da sich beide
Religionsformen im Laufe der Zeit vermischt haben.
Viele Tempel werden von Buddhisten und Hindus gleichermaßen besucht und viele Feste gemeinsam gefeiert. Zwar hat die
gegenseitige Toleranz tief im Inneren auch seine Grenzen, wie z.B. durch die Hierarchie des hinduistischen Kastenwesens,
doch welcher Glaubensrichtung oder sozialen Schicht die Nepali auch angehören, der Glaube an eine göttliche Allmacht
verbindet sie. Es ist ihr gemeinsames Schutzdach, das ihnen Kraft und innere Sicherheit gibt. Dieser unbeirrbare Glaube
offenbart sich in allen Sitten, Bräuchen, Festen und in ihrem künstlerischen Schaffen.
Wenn sich auch die einzelnen Glaubensrichtungen nicht klar abgrenzen lassen, so sind laut Statistik 87% der Bevölkerung
Hindus, 9% Buddhisten und 3% Muslime. Den Rest bilden Christen, Jainas und andere. In Nepal herrscht zwar
Glaubensfreiheit, doch Missionieren ist nicht erlaubt. Missionsgemeinschaften müssen sich daher auf karitative oder
medizinische Aufgaben beschränken.
Hinduismus
Glaubenslehre und Lebensregeln
Der Hinduismus stellt sich uns zunächst als unübersichtliche Vielfalt religiöser Praktiken und Vorstellungen dar. Er
kennt kein gemeinsames Glaubensbekenntnis und auch keine verbindliche Lehre.
Angesichts der landschaftlichen und kulturellen Kontraste Indiens (dem Ursprungsland des Hinduismus) ist der Hindu
zutiefst beeindruckt von den vielfältigen Veränderungen und Widersprüchen des Daseins. Er sehnt sich nach Versöhnung
aller Dinge in einer letzten Einheit und strebt danach, hinter dem falschen Schein der Welt die eine wahre Wirklichkeit
zu finden (brahman). Bei aller Uneinheitlichkeit der Auffassungen kann man einige Gemeinsamkeiten feststellen:
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Jedes Lebewesen hat sein verdientes Schicksal. Dieses ist die Folge der guten und bösen Taten seines früheren Lebens
(Karma) im Kreislauf der Wiedergeburten. Für arme und erniedrigte Hindus ist die Erwartung eines besseren Lebens eine
tröstende Hoffnung.
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Unter Dharma versteht der Hindu eine ewige Gesetzmäßigkeit. Sie beherrscht Welt, Gesellschaft und das Leben des
einzelnen und weist von Geburt an jedem Menschen seinen Platz in einer von rund 3000 Kasten zu. Jede Kaste hat eigene
Regeln für Speisen, Eheschließung und Beruf, die genau zu beachten sind. Seit 1950 ist die Diskriminierung der
Kastenlosen (Parias) gesetzlich verboten.
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Es gibt keine verbindliche Gottesvorstellung. Der Hinduismus sieht hinter der Vielzahl von Gottheiten die Einheit des
Göttlichen. Viele Hindus verehren als ihren Bhagawan (= "Erhabenen") Shiva und Vishnu, die immer neu die Welt erhalten
und zerstören, sowie Kali, eine weibliche Gottheit. Mit an oberster Stelle der Mythenwelt steht auch Brahma als
Schöpfer. Der Hindu verehrt außerdem die untermenschliche Natur; er fühlt sich in "Einheit mit allem, was lebt".
(Mahatma Gandhi)
Der Hinduismus kennt viele Erlösungswege. Einfache Formen sind: Gebete, Feste, Wallfahrten, Opfer, Reinigungsriten.
Anspruchsvolle Wege - oft unter Anleitung eines Lehrers (Guru) - sind Yogaübungen und Meditation. In ihnen findet der
Mensch zur Übereinstimmung des eigenen Selbst (Atman) mit dem einen Grund der Welt (brahman).
Heilige Schriften
Alle Richtungen erkennen die Autorität der Veden (Veda = "Wissen") an. Diese älteste hinduistische Textsammlung ist in
einem langen Prozess der mündlichen und schriftlichen Überlieferung zwischen 1500 und 500 v.Chr. entstanden. Sie enthält
Lieder, Opfer- und Zaubersprüche sowie theologische Erklärungen. Die jüngste Textgruppe der Veden umfasst die berühmte
Upanishaden (Geheimlehren über den Weg aus dem Kreislauf der Wiedergeburt). Um 300 v.Chr. entsteht die Bhagavadgita
(= "Gesang des Erhabenen"), eine der meistgelesenen Schriften des Hinduismus. Sie ist ein Lehrgedicht über den
Lebenskampf, in dem der Mensch das Irdische schließlich überwindet.
Buddhismus
Der Buddhismus geht auf Siddharta Gautama (etwa 560 - 480 v.Chr.) zurück. Im Alter von knapp 30 Jahren verlässt er seinen
Palast und seine Familie, um als Wandermönch die Wahrheit zu suchen. Nach sieben Jahren der Meditation und des Lebens in
strengster Enthaltsamkeit gelangt er plötzlich zur Erleuchtung. Seitdem heißt er Buddha (= "der Erleuchtete"). Mehr als
40 Jahre durchzieht er Nordindien und verkündet seine Lehre, begleitet von einer wachsenden Zahl von Anhängern.
Etwa 100 Jahre nach Buddhas Tod beginnen sich zwei Hauptströmungen herauszubilden: der südliche Buddhismus in Sri Lanka,
Burma, Siam, Laos und Kambodscha und der nördliche Buddhismus in Nepal, Vietnam, China, Korea und Japan. Der Buddhismus
entwickelte sich dank seiner Anpassungskraft zu einer Weltreligion, die einen bedeutenden Beitrag zur Einheit Ostasiens
geleistet hat.
Heilige Schriften
Im "Dreikorb" sind drei verschiedene Textsammlungen vereinigt. Es gibt nur in einer einzigen indischen Sprache eine
vollständige Ausgabe, den Pali-Kanon. Den Kern aller Fassungen der schriftlichen Überlieferung bilden Worte, die auf
Buddha selbst zurückgeführt werden; sie enthalten Lehren und Lebensregeln. Die frühesten Aufzeichnungen stammen aus dem
1. Jahrhundert nach Buddhas Tod. Sie wurden in einem jahrhundertlangen Prozess überarbeitet und ergänzt. Es hat nie einen
Kanon heiliger Schriften gegeben, den alle Richtungen des Buddhismus anerkannt hätten.
Glaubenslehre und Lebensregeln
Buddha wird von der Erfahrung bewegt, dass irdisches Glück sich stets als Illusion entlarvt, weil es widerlegt wird durch
Armut, Krankheit, Alter und Tod. Nach langem Ringen gehen ihm die "vier edlen Wahrheiten" auf:
- Leben ist Leiden.
- Ursache des Leidens ist der Durst auf Leben; er äußert sich im Streben nach Macht und Lust.
- Aufhebung des Leidens ist nur möglich durch Auslöschen des Lebensdurstes, durch das Loslassen von Wünschen,
Sehnsüchten und Begierden.
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Heilmittel ist der achtgliedrige Pfad, der einzige Weg der Selbsterlösung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten.
Er führt über grenzenlose Freundlichkeit, grenzenloses Mitgefühl und grenzenlosen Verzicht auf alles Haben-Wollen.
Notwendig gehört auch die Meditation dazu, um von sich selbst loszukommen.
Am Ende dieses Weges vergeht der Mensch im Nirvana (= "Erlöschen", "Verwehen"), einem Zustand unvorstellbarer Ruhe,
Begierdelosigkeit und Leidfreiheit.
Die Frage nach Gott hat Buddha nicht beantworten wollen. Sie lenkt den Menschen ab von der Überwinden des Leidens;
er verhielte sich wie ein Verletzter, der - von einem giftigen Pfeil getroffen - sich nicht heilen lassen möchte,
ehe er den Schützen und dessen Motiv kennt.
Trotzdem gibt es buddhistische Richtungen, die Buddha wie einen Gott verehren. Dazu gehört das "große Fahrzeug"
(Mahayana); es bietet Raum für alle Menschen, die durch die Verehrung Buddhas, durch religiöse Handlungen (Gebete,
Opfer, Wallfahrten) und durch tätiges Mitleiden mit allen Lebewesen zur Erlösung gelangen können. Das "kleine Fahrzeug"
(Hinayana) hat nur für Mönche Platz. Er ist die radikalste Form und hat die ursprünglichste Lehre Buddhas am reinsten
bewahrt.